F O T O G A L E R I E
Impressionen aus der Savanne
Wilfred Kigen und kenianische Spitzenläufer zu Gast in Lich
In der „Savanne“ Energie getankt / Favorit Wilfred Kigen und weitere kenianische Spitzenläuferinnen und –läufer stärkten sich vor dem Frankfurt-Marathon in einem Licher Restaurant
von Jens Riedel
Der Gast Wilfred Kigen hält die Tochter von Yordanos und Ghirmay Habton auf dem Arm (Bild: Frank Sygusch)
LICH. Ghirmay Habton strahlt über beide Wangen. „Der Bus ist da, der Bus ist da“, ruft der 49-jährige Inhaber des afrikanischen Restaurants „Savanne“ in Lich. Der Gastwirt freut sich riesig, denn er erwartet seltene und besondere Gäste: afrikanische Spitzen-Marathonläufer, die am Sonntag beim großen Frankfurt-Marathon den Kampf gegen die 42,195 Kilometer lange Strecke aufnehmen werden, hat Habton in sein Lokal eingeladen. Der bekannteste von ihnen ist Wilfred Kigen. Der 32-jährige Kenianer ist der Streckenrekordhalter beim Rennen in der Mainmetropole (2:08:29 Stunden) und lief sowohl 2005 als auch im Vorjahr als Erster durchs Ziel.
Wilfred Kigen und seine Tochter Patience (Bild: Giessen-Server.de)
Die Tür zur „Savanne“ öffnet sich. 15 schlanke Männer und 2 Frauen betreten auffallend leichtfüßig die Gaststätte. Unter ihnen ist auch ein Weltmeister: Wilson Boit Kipketer gewann 1997 in Athen den Titel über 3.000 Meter Hindernis und lief bei Olympia 2000 in Sydney durch Wassergräben und über Holzbalken zur Silbermedaille. In Frankfurt wird der 34-jährige Kenianer, der seine Hinderniskarriere inzwischen beendet hat, seinen zweiten Marathon absolvieren.
Wilson Boit Kipketer tanzt mit der Tochter der Gastwirte (Bilder: Frank Sygusch)
Habton und seine Frau Yordanos begrüßen ihre illustren Gäste innig und herzlich, wie alte Freunde. Seit fast zehn Jahren feuern sie die Athleten aus Afrika beim Wettkampf unermüdlich mit Trommeln und mit einer Weihrauch-Kaffee-Zeremonie an. Dadurch entstand ein intensiver Kontakt. „Unser Restaurant in Frankfurt-Höchst, das wir von 1998 bis 2005 betrieben haben, war wie ein Wohnzimmer für die Marathonläufer aus Kenia“, erinnert sich Habton, der aus Eritrea stammt. Die Freundschaft zu den Langstrecklern ist geblieben, auch nachdem er mit seiner Frau nach Lich umzog, wo beide seit knapp zwei Jahren die „Savanne“ neben dem Traumstern-Kino betreiben.
Aziz Kuyate spielte auf der Kora (Bild: Frank Sygusch)
Zu Ehren seiner sportlichen Besucher hat Habton extra einen Musiker aus Gambia engagiert, der die Top-Athleten mit einer „Kora“ unterhält, einem 21-saitigen afrikanischen Instrument, das wie eine Mischung aus Harfe und Gitarre aussieht. Neben der Theke duftet ein afrikanisches Buffet. Es gibt Hähnchenkeule mit Erdnusssoße und Eritrea-Gewürzen, Fisch mit Spinat und Kokossoße, Kürbisgemüse in Curry, dazu Nudeln, Couscous und afrikanisches Fladenbrot aus Sauerteig. Die Athleten greifen beherzt zu, und auch die „normalen“ Gäste lassen es sich schmecken. „Das ist super lecker“, sagt Anja Ziegler aus Staufenberg-Trais, die mit fünf Freundinnen in der „Savanne“ ihren Geburtstag nachfeiert. Martina Weimar-Polzer stimmt ihr zu: „Sehr scharf, sehr schmackhaft.“
Peter Kiprotich (mi.), Franicis Bowen (2.v.re.), Vincent Kipros und Stephen Kibiwott (Bild: Frank Sygusch)
Gastwirt Habton hat bewusst darauf verzichtet, für die Top-Läufer eine geschlossene Gesellschaft einzurichten. „Es soll heute ein Abend der Begegnungen sein, meine Gäste dürfen mit den Athleten in Kontakt kommen“, erklärt er. Dies passiert jedoch zunächst nicht. Die deutschen Besucher legen ihre Reserviertheit erst dann etwas ab, als Afro-Musiker Aziz Kuyate die Trommel auspackt und mit dem Zulu-Kinderlied „Belemama, Belemama, ho“ zum Mitklatschen animiert. Zu Gesprächen mit den Marathonläufern kommt es aber nicht. Dies mag neben der urdeutschen Zurückhaltung auch daran liegen, dass die Kenianer – unter ihnen auch der zum engsten Favoritenkreis gehörende Vincent Kipsos, Francis Bowen sowie der Vorjahresvierte Peter Kiprotich –recht müde sind. Schließlich sind sie erst am Mittag nach einem mehrstündigen Flug von Nairobi via Dubai in Frankfurt gelandet.
Peter Kiprotich belegte im letzten Jahr den 4. Platz beim Frankfurter Marathon
(Bild: Frank Sygusch)
Ein bisschen liegt es aber auch an Christoph Kopp. Der Marathon-Manager, der seit über 25 Jahren die Teilnehmerfelder für die Eliterennen zusammenstellt und mit den Kenianern nach Lich gekommen ist, beendet schon nach 90 Minuten das Treffen. Wie ein Vater, der sich um seine Kinder sorgt, bittet er die Leistungssportler um kurz vor 22.00 Uhr zum Bus zurück, der die 15 Männer und 2 Frauen nach Frankfurt ins Hotel bringen wird. „Sie brauchen ihren Schlaf“, entschuldigt sich Kopp. Sein Star, Wilfred Kigen, der seine siebenjährige Tochter Patience mitgebracht hat und morgen zum dritten Mal in Folge nach der Siegprämie von 15.000 Euro greift, lässt sich auch zum Abschied nur eine sehr vage Prognose für das Rennen am Sonntag entlocken. „Ich kenne die Strecke, das ist gut, doch ob ich erneut gewinnen werde, weiß ich nicht“, sagt er zurückhaltend auf Englisch.
Ruth Jepkoech Kutol und Jemima Jelagat (Bild: Frank Sygusch)
Klar ist jedoch: Habton wird Kigen und Co. bei Kilometer 30 mit etwa 20 Freunden wie gewohnt frenetisch anfeuern. Dass einer seiner Gäste aus Kenia das morgige Rennen gewinnen wird, ist für Ghirmay Habton ohnehin klar. „Sie sind in ihrer Heimat viel an der frischen Luft, leben gesund und haben vor allem den Kopf frei“, beschreibt er das Geheiminis des afrikanischen Marathonerfolges. Dann fügt er lachend hinzu: „Und sie haben heute bei meinem Essen gute Energie getankt.“ Eine Vision für das kommende Jahr hat der Savanne-Wirt ebenfalls „Da lade ich die Läufer erst am Sonntag nach dem Rennen zu mir ein. Dann können wir nämlich gemeinsam mal so richtig lange feiern, weil die Athleten nicht wegen der Rennvorbereitung so früh ins Bett gehen müssen“, freut er sich schon auf das nächste Wiedersehen.
Giessen, 27. Oktober 2007 / alle Bilder: Frank Sygusch (Giessen-Server.de)